Zur Fortbildung in Prag

Brücken über der Moldau

Im Rahmen einer von der AWO München organisierten Fortbildungsfahrt waren im Oktober Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Anderwerk in Prag, um sich über die soziale Arbeit in der tschechischen Metropole zu informieren. Im Rathaus hatten sie Gelegenheit, mit Petr Dolinek, Gemeinderat für Soziale Angelegenheiten, sowie den Leitern verschiedener Einrichtungen zu diskutieren. Schnell wurde klar: Hinter dem Glanz der Touristenmetropole verbergen sich ganz ähnliche Probleme wie im heimatlichen München.

So wurde im Zuge der Wirtschaftskrise der Bedarf an sozialen Hilfsleistungen in vielen Bereichen neu definiert. Unter den Kürzungen leiden vor allem Jugendliche ohne Schulabschluss, mental behinderte Menschen sowie Obdachlose. Viele ältere Menschen leiden an Altersarmut. Für sie wird es eine ungewisse Zukunft geben, wenn im Zug der Aufhebung der Mietbindung demnächst die Mieten in Prag deutlich teurer werden. Für den 10-köpfigen „Ministerrat“ der Stadt Prag und besonders für den zuständigen Gemeinderat Petr Dolinek besteht momentan eine zentrale Herausforderung darin, für diese älteren Menschen in absehbarer Zeit bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Die Auszahlung von Sozialhilfe ist in Prag durch nationale Gesetze geregelt und wird finanziert über die Steuer. Die Prüfung der Bedürftigkeit sowie die Auszahlung der Mittel erfolgt durch städtische Behörden. Die Bereiche Suchtprävention und Suchtbehandlung befinden sich in autonomer Zuständigkeit der Stadt. Es gibt eine Palette von Angeboten der Sozialberatung und Sozialbetreuung, vom Telefon bis zu ambulanten und stationären Betreuungsdiensten. Durchgeführt werden die sozialen Leistungen von der Stadt und auch von NGO’s (Nichtregierungsorganisationen). Sämtliche Leistungen sind entweder über die Steuer oder über die Krankenversicherung finanziert.

Die Gesundheitsversorgung in Prag ist weitgehend auf nationaler Ebene geregelt. Fast alle Kliniken befinden sich in staatlicher Hand. Prag selbst betreibt eine Reihe von ambulanten und rehabilitativen Behandlungszentren sowie medizinische Notfalldienste. Die finanzielle Eigenbeteiligung der Patienten wächst, ist aber im internationalen Vergleich immer noch niedrig.

Interessant für die Besucher aus München war u.a. der Besuch in einer ungewöhnlichen Obdachlosenunterkunft. Weil sich die meisten Stadtbezirke weigerten, für Obdachlose Unterkünfte zur Verfügung zu stellen, verlegte die Stadtverwaltung eine Schlafstätte auf die Moldau. Dort können rund 100 Obdachlose auf einem extra dafür umgebauten Schiff die Nacht verbringen.

Fotos: Petr Dolinek (Mitte), „Sozialreferent“ der tschechischen Hauptstadt Prag, sowie die Leiter eines Pflegeheims und einer Kinderkrippe (Foto links); die weltberühmte Silhouette der Prager Brücken über die Moldau (Foto rechts).