Andere zu motivieren, macht mich glücklich

Erfolgsgeschichte aus dem Bereich „Elektrowerkstatt“

Leicht bayerischer Zungenschlag und stets gut gelaunt – so erleben KollegInnen und Teilnehmende Andreas Trapp* heute. Mit 45 Jahren ist der Master of Science in Physik und ehemalige Doktorand der Nanooptik festangestellt bei anderwerk – in der IT und im Elektro-Mobilverleih. Von außen betrachtet könnte man sagen: Da hätte mehr gehen können. Die Frage ist nur: wofür?

Alles läuft – bis es kippt

Aufgewachsen in Neuburg an der Donau flutschte er problemlos durch die Schulzeit, schloss das Gymnasium mit einem 1,8 Abitur ab und absolvierte auch den Zivildienst im Lager eines Krankenhauses – eher gemächlich. „Ein Glücksgriff, würde ich es heute nennen“, so Andreas Trapp.

Das Vordiplom des Physikstudiums schloss er ambitioniert und erfolgreich nach dem dritten Semester ab. Seine Lebenshaltungskosten blieben gering, weil er aufgrund guter Noten in einem Seminarhaus wohnen durfte. Auch hier wieder Glück gehabt.

„Mein Schwerpunkt war schon recht früh Astrophysik und das hat mich auch weiter interessiert, aber dann kam das Gaming…“ Die World-of-Warcraft-Vorliebe entwickelte sich binnen kurzer Zeit zur Spielsucht: „Ich habe mich jeden Tag um 9 Uhr vor den Bildschirm gesetzt und nur unterbrochen von einer kurzen Mittagspause bis 22 Uhr durchgespielt.“ Er absolvierte also kaum noch Stunden im Studium, schafft es aber trotzdem, sein Studium weiter kontinuierlich und ohne größere Verzögerungen durchzuziehen und im 8. Semester scheinfrei zu sein. Doch die Diplomprüfung gelingt nicht auf den ersten Versuch. „Ich war zwei Jahre quasi nicht an der Uni und hatte dann Panik. Mein ganzes Wissen war quasi weg.“ Durch den Wechsel von Diplom auf Bachelor kratze er erneut die Kurve: „Den Bachelor und den Master habe ich dann in zwei Semestern durchgezogen.“ Mit 30 Jahren gibt er seine Masterarbeit ab, wohnt aber wieder bei den Eltern in Neuburg an der Donau.

Ein Ende, kurz vor dem Ziel

Nach dem Studium hatte ich wieder Glück: „Mein Professor hat mir damals eine Doktorarbeit angeboten.“ Die halbe Stelle an der Uni war für ihn eine gute Möglichkeit Geld zu verdienen. Er findet eine Wohnung und der Plan ist: Jetzt das Studium schnell durchziehen. Doch dann kommen die großen Meinungsverschiedenheiten mit dem Doktorvater. Eigentlich fehlt nur noch die Zusammenfassung aller Daten, um die Doktorarbeit abzugeben. Doch es gelingt nicht. Der Antrieb ist weg. Als Flucht bietet sich die Pflege des verunfallten Großvaters in Wien an. Die Zeit dehnt sich. Das Einzige, was er in dieser Zeit konsequent weitermachte, war sein Tanzunterricht einmal pro Woche.

Er bewirbt sich als Laserphysiker bei Spin-Offs der Universität.„Ich bekam nicht mal ein Bewerbungsgespräch. Meine Bewerbungsunterlagen waren schlecht und mein Selbstbewusstsein im Keller.“ Zum Ausgleich zockt er wieder mehr. Der Alltag wiederholt sich: aufstehen, zocken, Wochenende tanzen.

Als der Uni-Vertrag ausläuft, kommt das ALG I. Mietkosten Versicherungen, Tanzstunden bei der Privattrainerin – er verbraucht seine Ersparnisse und leiht sich Geld bei den Eltern. „Mein Selbstwert war am Boden. Ich hatte das Gefühl, komplett auf Kosten anderer zu leben.“

Zwei Brüder, zwei Welten

Was ihm fehlte, war Ehrgeiz. Ein Wort, das ihn an seinen Bruder erinnert – zu dem er seit 25 Jahren keinen Kontakt mehr hat. „Er wollte mir als Jugendlichen den Ehrgeiz einprügeln und hat mir regelmäßig eine Kopfnuss verpasst. Wenn er mich angeschaut hat, sprach sein Blick schon Bände. Der fehlende Ehrgeiz, mein Desinteresse an Markenkleidung – all das hat er verachtet und damit auch mich.“ Der Bruder schlägt eine Offizierslaufbahn ein, arbeitet heute im Verteidigungssektor. Andreas Trapp findet sein Vorbild woanders – bei der Großmutter mütterlicherseits. „Sie wirkte stets glücklich und lebte nach dem Grundsatz: Ich bin zufrieden, wenn ich nicht zu viel besitze.“

Bei anderwerk findet er den Kern seines Antriebs

Das Jobcenter vermittelt ihn schließlich zu anderwerk – zunächst über eine AGH-Stelle, einen Ein-Euro-Job. 15 Stunden die Woche, Laptop-Reparaturen, wieder ankommen. Aus den 15 Stunden werden mit der Zeit 28, aus dem Ein-Euro-Job eine Festanstellung. Burkhard Denninger, Sozialpädagoge bei anderwerk: „Der Verdienst von anderwerk ist in diesem Fall klar – wir konnten durch Zeit und geringen Druck ermöglichen, dass Herr Trapp sich ausprobieren und vor allem Selbstvertrauen aufbauen konnte.“ Heute arbeitet er als Anleiter in der IT-Abteilung und im E-Mobil-Bereich im Tierpark – mit Menschen, die oft denselben Weg hinter sich haben wie er. „Ich war in derselben Situation – darum kann ich gut motivieren.“ Was, wie er schmunzelnd einräumt, bei manchen erst beim zweiten ‚Guten Morgen‘ ankommt. Nebenbei trainiert er den Tanznachwuchs in seinem Heimatort und gibt Nachhilfe.

Eine Geschichte, die er gerne erzählt: Ich habe über den Dalai Lama gelesen, wie er in einer Abflughalle sitzt und zwei Frauen mit einem großen Blumenstrauß auf sich zukommen sieht. Er freut sich – bis sie kurz vor ihm abbiegen und die Blumen jemand anderem überreichen. Ein Moment der Enttäuschung. Dabei hatte er keinen Grund dazu. Nur Erwartungen, die er selbst erzeugt hatte.
„Woher sollte ich mir also das Recht nehmen, unglücklich zu sein, wenn meine Grundbedürfnisse gestillt sind?“ Andreas Trapp sucht sich heute neue Aufgaben und Herausforderungen – und findet sie dort, wo er andere motivieren kann. Bei anderwerk. Und beim Tanzen.

*Name von der Redaktion geändert.