Vom Macho zum Teamplayer

Erfolgsgeschichte aus dem Bereich „ambulante Erziehungshilfen“ (aeH)

Mit 12 Jahren war Belal gemeinsam mit seiner kleinen Schwester und seiner Mutter aus Afghanistan geflohen. Geflohen vor der Gewalt im Land und in der Familie. Seine Mutter konnte ihm vor Ort nicht helfen. Ihr Hilfe war die Flucht. Fünf Jahre lang lebten sie zu dritt in nur einem Zimmer eines Münchener Flüchtlingsheims. Fünf Jahre kämpfe er mit Konzentrationsschwierigkeiten und schwacher Impulskontrolle. Aber er hat es geschafft. Er hatte Unterstützung.

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Die Mutter sehr jung. Sie war erst 16 Jahre alt als Belal geboren wurde. Der Vater war nur selten zuhause. Doch sobald er Heim kehrte, ließ er seinen Missmut an der Familie aus. Belal ertrug Beschimpfungen, Ohrfeigen und Tritte. In der Abwesenheit des Vaters musste er dann wie ein Familienoberhaupt agieren: So arbeitete er im Alter von nur zehn Jahren als Tagelöhner, um Mutter und Schwester zu ernähren. „Dieser Druck und die ständige Überforderung führte dazu, dass er seine Impulse auch später schlecht kontrollieren konnte“, so Sylvia Borrink, Anleiterin im Bereich ambulante Erziehungshilfen (aEH) bei anderwerk.

Die Flucht hatte die Familie über Athen geführt, wo sie vier Jahre lebten. Das Kinderheim war in dieser Zeit die neue Heimat für Belal und seine fünf Jahre jüngere Schwester. Für die Mutter der letzte Ausweg: Bis zu einer schweren Erkrankung der Mutter hatten die drei monatelang von Müll gelebt. Nach Ende der staatlichen Hilfe war es wieder an Belal Nahrung für die Familie zu besorgen.

Tagelöhner im Alter von 10 Jahren

Nächste Station Deutschland. Hier kümmerte sich ein Bezirkssozialarbeiter um Belal, da er bereits nach kurzer Zeit Auffälligkeiten im Verhalten gegenüber Lehrern zeigte. Dieser schickte ihn zu einem Psychologen. Diagnose: ADHS.

Zeitgleich zum Psychologen stellte der Sozialarbeiter Kontakt zu den ambulanten Erziehungshilfen bei anderwerk her. Hier fand Belal unterschiedliche Ansprechpartner für seine Probleme und eine Gruppe Gleichaltriger mit ähnlich schwierigem Familienhintergrund – denn Belals junge Mutter ist mittlerweile psychisch und körperlich schwer erkrankt.

Sylvia Borrink, Gruppenleiterin, berichtet: „Belal versuchte, sich zu Beginn in der Gruppe ähnlich wie in seiner Familienstruktur als Boss oder Anführer zu etablieren. Er war laut, unterbrach mit witzigen und vorlauten Kommentaren, konnte sich aber auf die Inhalte nur sehr schwer konzentrieren. Ein richtiger Macho.“

Erfolgserlebnisse stärken das Selbstbewusstsein

Im ersten Schritt werden in den ambulanten Erziehungshilfen grundlegende Arbeitstugenden entwickelt und gefördert. Damit Belal hier Fortschritte machte, schwenkte Sylvia Borrink zunächst um zur Einzelbetreuung. „Belal brauchte wie jeder Jugendliche ein Erfolgserlebnis, indem er etwas fertigstellt. Dieses ‘Wow, das habe ich geschafft!‘

Im Anschluss folgte dann das Projekt „Verhaltensänderung im Gruppengefüge“: „Jeder der vier Jugendlichen hatte aufgrund von ADHS Konzentrationsschwierigkeiten, also musste ich die Impulskontrolle fördern“, erklärt Borrink. Spielt sich einer als Macho auf, musste er abspülen. Schaut jemand weg, forderte sie Augenkontakt. Sprach jemand undeutlich, forderte sie klare Aussprache. „Es geht in diesem Fall immer darum aufmerksam zu bleiben. Auf jeden einzeln zu fokussieren. Teilweise hilft eine leichte Berührung am Ellenbogen oder der Schulter. Und Pausen, wenn der Einzelne zu erkennen gibt, dass er nicht mehr kann.“

Das anderwerk-Netzwerk fängt ihn auf

Alle Kollegen der ambulanten Erziehungshilfen arbeiten in einer reizarmen Umgebung und achten darauf, zu jedem einzelnen ein enges Vertrauensverhältnis aufzubauen. „Das wichtigste für Belal war“, so Borrink, „dass er erkennt, warum er so viele Schwierigkeiten in der Schule hatte. Bis dahin fühlte er sich ungerecht behandelt und langsam erkannte er die Konsequenzen aus seinem Verhalten.“ Parallel zu dieser Erkenntnis verzichtete er auf Alkohol und Hasch und sein Ehrgeiz wuchs. „Nach einem Jahr bei uns in den aEH schaffte er im Sommer in der anderschule einen guten Abschluss.“

Doch natürlich läuft nicht immer alles glatt. „Wir mussten ihn ab und an in der Flüchtlingsunterkunft abholen. Checken, was los ist und ihn aus seinen alten Verhaltensmustern bringen.“ So diente ihm das anderwerk-Team als Anker. In seinem Umfeld hatten alle mit Problemen zu kämpfen. Hier dagegen fand er Ansprechpartner und Unterstützung. Und, wie Sylvia Borrink sagt auch ein Korrektiv, das seine Macho-Allüren nicht akzeptierte.

Kontrollierter Kontrollverlust

Belal nahm die Ansprache, die Korrektur und die Unterstützung an, schaffte seinen Quali, absolvierte ein Kurz-Praktikum in der KFZ-Werkstatt von anderwerk und ist dank des vorhandenen Netzwerks auf einem guten Weg: Aktuell absolviert er die bbJH Ausbildung bei Spectrum als Kfz- Mechatroniker. Die Zwischenprüfung wird im Juni 2018 stattfinden. „Wir sind guten Mutes, dass er seine Ausbildung problemlos schaffen wird. Aber er wird uns bis zum Ende brauchen. Wir bleiben im Austausch und helfen ihm, solange wir können“, so Borrink.

Fast gleichzeitig zu seinem Geburtstag hat die Familie nun eine Wohnung gefunden und Belal mit nun 17 Jahren ein eigenes Zimmer. Er ist ein gut aussehender junger Mann mit Anziehungskraft. Sein sonniges Gemüt hat er sich erhalten. Und nun die Kontrolle über sein Leben erlangt. „In dieser Umgebung durfte er quasi beaufsichtigt ausflippen. Und am nächsten Tag darüber reflektieren.“ Die Anteilnahme, Aufmerksamkeit und der Raum haben ihm geholfen. „Jetzt ist aus dem früheren Macho ein Team-Player geworden,“ so Sylvia Borrink. „Fast immer.“

*Name von der Redaktion geändert