Heute bei anderwerk Vorbild für andere
Erfolgsgeschichte aus dem Bereich „Kfz“
Früher trug Dominik* blaue Haare und auffällige Kleidung mit zahlreichen Patches. Heute trägt der 20-Jährige sogar in seiner Freizeit seine blaue Arbeitshose. Weil er seine Arbeit liebt. Und selbst über sein Leben entscheidet.„Ich bin komplett drogenfrei“, sagt Dominik. Er wohnt in einer eigenen Wohnung, hat eine feste Freundin, engagiert sich in der Jugendhilfe – und ist festangestellter Geselle bei anderwerk.
ICH WOLLTE MIR NICHTS SAGEN LASSEN
„Ich wollte mir nichts sagen lassen“, sagt Dominik rückblickend. Nach der Trennung seiner Eltern zieht er mit seiner Mutter und seinem Bruder in ein Nachbardorf. Schon in der Grundschule fällt er auf – zu unruhig, zu laut, zu viel. Die Diagnose: ADHS. Medikamente sollen helfen, doch sie nehmen ihm mehr, als sie geben.„Mein Kopf war Matsch“, erinnert sich Dominik. „Mein Hirn war nicht mehr fähig, Sätze zu bilden.“ Eine neue Medikation verschlimmert alles: „Ich konnte keinen Muskel mehr rühren, dabei hüpfte in meinem Kopf ein Männchen wild umher.“ Mit zehn Jahren fasst er einen Entschluss: keine Medikamente mehr. „Natürlich haben die Pädagogen später im Kinderheim mich zwingen wollen, aber ich habe sie einfach nicht geschluckt.“ Die Mutter zieht nach München, Dominik zum Vater – in der Hoffnung auf Stetigkeit. Doch der Kontakt zerbricht: In einem Streit wird der Vater grob. Dominik bricht den Kontakt ab. Er würde verzeihen – doch der Vater verweigert jeglichen Kontakt. Diese Stille währt bis heute. Dominik geht zurück zur Mutter. Doch auch dort eskaliert das Zusammenleben bald …
Ich wollte meine eigenen Entscheidungen treffen
Zum Halbjahr besucht er die gleiche Mittelschulklasse wie sein Bruder, doch findet er keinen Anschluss. Stattdessen wird er von seinem Bruder und dessen Freunden gemobbt, also beschimpft, geschubst und gehänselt. „Und als ich mich gewehrt habe, bin ich geflogen.“
In der nächsten Schule ist er oft abwesend – körperlich wie geistig. Die Streitigkeiten mit seiner Mutter nehmen zu: „Ich habe ihr gesagt, dass sie mir das Kindergeld geben könnte und dann nicht mehr für mich sorgen müsste“, schildert Dominik die damalige Zeit.
Nächte am Stachusbrunnen. Ein gefälschter Chatverlauf mit der Mutter, den er der Polizei zeigt. Eine gefundene Bankkarte, mit der er sich Zigaretten kauft. Dominik ist 14.
„Ich will meine eigenen Entscheidungen treffen“, sagt er. „Ich will sagen, wen ich wann und wo treffe.“ Nach einer Pause fügt er an: „Ich habe damals weder meiner Mutter noch später den Betreuern Bescheid gesagt.“
Nach einem weiteren Streit mit seiner Mutter kommt Dominik ins Kinderheim. Sechs Monate lang geht er nicht zur Schule. Emotional zieht er sich zurück und lässt kaum jemanden an sich heran.
Ein Lehrer wird zum Wendepunkt
Ein betreutes Wohnen, eine neue Schule – und zum ersten Mal jemand, den Dominik akzeptiert: Ein Lehrer nimmt sich Zeit für ihn. Zwei, manchmal drei Stunden wöchentlich lernt er mit ihm. Danach gehen sie spazieren, joggen, Eis essen. Langsam entsteht Vertrauen. Für die Schul-Ausflüge fehlt Dominik das Geld – also bezahlt der Lehrer sie privat. „Der hat sich Zeit genommen und mich nicht gedrängt!“, sagt Dominik. Eine Parallele zu anderwerk, wie sich später zeigt …
Doch Dominik ist noch nicht so weit. Er klettert betrunken auf ein Dach, raucht einen Joint – und wird aus der Wohngruppe geworfen. Die Stadt München bietet ihm eine Schutzstelle an. Dann noch eine. Und eine dritte. Dominik fällt überall wieder aus dem Rahmen.
Mit 15 erlaubt ihm das Jugendamt einen ungewöhnlichen Schritt: Er darf zu einem älteren Freund ziehen, der ihn ernst nimmt und unterstützt. Und tatsächlich: Dominik geht wieder zur Schule. Und seine neue gesetzliche Betreuung vernetzt ihn weiter – zu anderwerk.
Heute: Vorbild für andere
Blaue Haare, Kutte. So steht Dominik das erste Mal in der Kfz-Werkstatt. Klaus Wittmann, Kfz-Meister bei anderwerk, erinnert sich genau: „Der Dominik ist heute kaum wiederzuerkennen. Der trägt seine Arbeitsklamotten auch in der Freizeit und identifiziert sich absolut mit seinem Job.“ Den Mittelschulabschluss holt Dominik an der anderschule nach. Parallel hatte Frieder Speck von der Berufsorientierung ihn gefragt: „Warum versuchst du es nicht als Kfz-Praktikant?“ Und von da an wusste er, wohin es gehen sollte: Azubi in der Kfz-Werkstatt von anderwerk.
„Natürlich war er oft unpünktlich am Anfang“, sagt Klaus Wittmann. „Aber weil er dann nur beim Ölwechsel zuschauen, aber keine anspruchsvollen Tätigkeiten übernehmen durfte, hat er sich am Riemen gerissen.“ „Ich hab mich getraut, den Meistern zu sagen, dass mir hier oder dort etwas kaputtgegangen ist, weil die Anleiter bei anderwerk sehr viel Verständnis für mein Problem hatten, Autoritäten anzuerkennen“, sagt Dominik.
Er trinkt nicht mehr. Und er meint es ernst. Aus dem auffälligen Jugendlichen wird ein Azubi. Und aus dem Azubi ein Geselle.
Auf seinen Unterarm hat er sich ein neues Tattoo stechen lassen: ‚If one day my job kills me, don’t cry because I smiled.‘ Unter dem Spruch trägt er das Datum seines Gesellenbriefs – eingerahmt in ein Banner.
Er durfte langsam sein. „Dafür habe ich gelernt, sehr genau zu arbeiten.“ Und er durfte unter Aufsicht alles ausprobieren. Und er hat es geschafft – er ist nun fest angestellt bei anderwerk. Als Anleiter. Als Kollege.
Letzte Woche hat er sich Urlaub genommen, um als Übungsleiter bei perspektive 3 mit Jugendlichen des mobilen Jugendtreffs nach Italien zu fahren, ein Ehrenamt, das er seit drei Jahren regelmäßig ausübt: „Viele wollen sich mir anvertrauen, weil ich ähnliche Erfahrungen wie sie sehr jung gemacht habe. Und es so besser nachvollziehen kann.“












