Gewaltprävention in den Jugendwerkstätten

Ein gemeinsamer Prozess

Gewaltprävention ist kein einmaliges Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess. In einer Klausurtagung haben sich die Jugendwerkstätten von anderwerk intensiv mit dem Thema Gewaltschutz auseinandergesetzt – mit dem Ziel, ein verbindliches Gewaltschutzkonzept zu entwickeln.

Was verstehen wir unter Gewalt?

Zu Beginn stand die grundlegende Frage:
Was ist Gewalt – und was ist sexualisierte Gewalt?

Gewalt hat viele Formen. Sie kann physisch, psychisch oder ökonomisch sein. Sie kann laut und sichtbar auftreten – oder subtil und verletzend. Jugendliche berichten beispielsweise davon, dass andere sie anschreien, ihnen das Wort verbieten oder Machtverhältnisse ausnutzen.

Die Ursachen sind vielfältig: Manche junge Menschen haben selbst Gewalt erlebt, häufig im familiären Kontext oder durch Peers während Heimaufenthalten. Diese Erfahrungen wirken nach.

Gleichzeitig beobachten wir in den Werkstätten eine zunehmende Verrohung im Umgangston. Durch verstärkte Aufklärung sind Jugendliche sensibler – teilweise aber auch schneller provoziert.

Unser Ansatz ist klar:
Wir betrachten nichts als Lappalie. Lieber sprechen wir über 50 vermeintlich kleine Vorfälle, als dass ein tatsächlicher Übergriff unbemerkt bleibt oder hätte verhindert werden können. Prävention bedeutet, früh hinzusehen.

Sensibilisieren, aufklären, beteiligen

Wir orientieren uns an bestehenden Leitfäden, etwa zu Suizidfällen und Kindeswohlschutzverfahren. Diese Grundlagen werden nun gezielt auf die Jugendwerkstätten und ihre spezifischen Rahmenbedingungen zugeschnitten.

Ein erster Schritt war eine anonyme Befragung aller aktuellen Teilnehmenden.

Ergebnisse der Umfrage: Vertrauen und Transparenz stärken

Die Rückmeldungen der Jugendlichen waren deutlich:

  • Es besteht noch zu wenig Vertrauen, dass auf Meldungen konsequent reagiert wird.

  • Der Beschwerdeweg ist nicht ausreichend transparent.

Als unmittelbare Konsequenz wurde die Beschwerdestelle der Jugendwerkstätten bei U-Turn angesiedelt, um Unabhängigkeit und Klarheit zu stärken.

Auch die räumliche Situation wurde kritisch betrachtet. Jugendliche benannten konkrete Risiken – und machten konstruktive Vorschläge:

  • „Bessere Beleuchtung im Treppenhaus wäre gut.“

  • „Ich wünsche mir, dass in der Werkstatt mehr auf political correctness geachtet wird. Es gibt Wörter, die Menschen verletzen.“

  • „Ich finde den Lackraum gefährlich (uneinsichtig, abschließbar).“

Auffällig war: Positives wurde eher unspezifisch benannt, Kritik hingegen konkret – oft verbunden mit Lösungsideen. Das verstehen wir als wertvollen Beitrag.


Konkrete Maßnahmen

Aus der Analyse ergeben sich klare Schritte:

1. Anpassung des Handbuchs
Die bestehende Vorlage zum Thema Kindeswohlgefährdung wird als praxisnahes Handbuch speziell für die Jugendwerkstätten weiterentwickelt.

2. Fortlaufende Workshops
In Kleingruppen werden Gesprächsrunden etabliert. Ziel ist eine dauerhafte Kommunikationskultur. Jugendliche sollen sich fragen können:

  • Was ist mir widerfahren?

  • Was ist eine Lappalie – und was nicht?

  • Warum reagiere ich verunsichert?

  • An wen kann ich mich wenden?

3. Sensibilisierung von Anleiter:innen und Jugendlichen
Wir informieren über Formen von Gewalt, Interventionsmöglichkeiten und Beschwerdewege. Opfer sollen gestärkt, potenzielle Täter abgeschreckt werden. Peer-Gewalt darf keinen Raum haben.

Gemeinsam mit den Jugendlichen formulieren wir verbindliche Grundsätze:

  • Niemand darf Machtverhältnisse missbräuchlich ausnutzen.

  • Top-Performer werden nicht bevorzugt.

  • Jugendliche werden aktiv beteiligt.

4. Sofortmaßnahmen im Raumkonzept
Als schnelle und sichtbare Konsequenz werden zusätzliche Lichtquellen in dunkleren Bereichen installiert. Uneinsichtige Ecken werden identifiziert und ausgeleuchtet.

Wenn nicht alle Jugendlichen im Raum sind, wird die anleitende Person informiert. Türen bleiben – wo möglich – offen.

Unser Anspruch

Gewaltschutz ist keine Formalie, sondern Haltung.

Es geht darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem junge Menschen lernen, arbeiten und sich entwickeln können – ohne Angst, ohne Machtmissbrauch, ohne Wegsehen.

Der Prozess ist nicht abgeschlossen. Er beginnt gerade erst – transparent, gemeinsam und verbindlich.