Vom ‘Ich kann nix’ zur Ausbildung: Wie Gruppenerlebnisse Jugendliche stärken
Jugendhilfe – U-Turn
„Wie schneidet man eine Tomate?“ – Janine ist 19 Jahre alt, lebt in einer Wohngemeinschaft und hat vor drei Wochen ihre Ausbildung bei anderwerk gestartet. Die junge Azubi ist gemeinsam mit ihren neuen KollegInnen drei Tage beim Zelten, organisiert von uns, ihrer Ausbildungsstätte anderwerk, betreut von Melanie Thanner, Sozialpädagogin und ausgebildete Schreinerin. Sie sagt: Am Anfang stehen bei uns Aussagen wie „Ich kann nix“, „Was bringt mir das?“, und „Ich hab kein‘ Plan“. Und bei einigen steht am Ende: „Du bist Schreiner“, „Du hast einen Ausbildungsplatz“ oder „Ich weiß, was ich will“.
Was wir anbieten: Berufsorientierung, Ausbildung, Begleitung
Im letzten Jahr nahmen insgesamt 97 Personen an der anderwerk Jugendhilfe teil. Darunter fällt also Berufsorientierung, anderschule, ambulante Erziehungshilfen, Praktika oder Ausbildung in der Schreinerei, Raumausstattung und auch im Bereich Kfz oder Fachinformatik. 51 Prozent davon haben weitergemacht und sind in Arbeit, Ausbildung oder Schule/Weiterbildung gelandet, 24 Prozent konnten in andere Maßnahmen der Jugendhilfe oder soziale/therapeutische Hilfen vermittelt werden. Wie wir das geschafft haben? Schritt für Schritt und mit Initiativen wie Gruppenbildung. Thiemo Stengele, Leitung der Jugendhilfe bei anderwerk erklärt: „Das positive Erleben in der Gruppe übt einen unglaublichen Zug auf jeden einzelnen aus.“
Gruppenprozesse wirken: Kochen, Sport, Ausflüge
Melina Thanner erzählt: „Die Azubis kommen zu uns und haben teils kaum Lebenserfahrung. Dabei meine ich jetzt wirklich Jugendliche, die in Wohngemeinschaften leben und keine Kinder mehr sind.“ Wenn es nun also zum Zelten geht, ist nicht nur das Zelt aufbauen eine Herausforderung: „Es fängt damit an, dass wir den Jugendlichen die Aufgabe stellen, die Lebensmittel einzukaufen. Das bedeutet, dass sie sich absprechen, Einkaufslisten schreiben, gemeinsam einkaufen gehen.“
Und natürlich ist auch gemeinsames Kochen ein Kraftakt für die Gruppe. Dabei schwirren Fragen durch die Luft wie: „Wer macht was?“, „In welcher Reihenfolge?“ und „Woran merke ich, dass das Wasser kocht?“
Auf so einer Ausflugsfahrt ist auf einmal Pünktlichkeit nicht mehr nur für die Anleiter interessant. Melina Thanner sagt: „Wenn alle lange schlafen, macht keiner Frühstück. Das stört dann jeden, und auf einmal kommt Bewegung in die Gruppe. Und es sind nicht mehr die cool, die stören, sondern die, die helfen und zusammenarbeiten.“
Ähnlich ist es beim gemeinsamen Sport: Auf einmal zählen Absprachen, damit die Gruppe schneller fertig wird. Die Motivation steigt ganz natürlich. „Sind die Yoga-Matten schneller ausgebreitet, können alle schneller anfangen. Und wenn die Gruppe funktioniert, sind auch einzelne motiviert mitzumachen.“
Die Realität 2025: Armut, Ängste, Schulverweigerung
Die Gründe, warum die Jugendlichen im Jahr 2025 vor großen Herausforderungen stehen, benennt Thiemo Stengele: „Armut steht wohl an erster Stelle und führt oft zu prekären Wohnsituationen. Damit meine ich nicht nur wenige Zimmer in einer Wohnung oder Unterkünfte, sondern sogar das Leben auf der Straße.“ Daniela Schneider, stellvertretende Leitung, ergänzt: „Neue Vorbilder aus Social Media à la Tate und Co. und damit verbundene Erwartungshaltungen spielen eine große Rolle.“
Die Auswirkungen auf die Jugendlichen hätten sich außerdem gewandelt. Die Jugendlichen bei anderwerk haben weniger mit Gewalttaten oder Wutausbrüchen zu tun. Schneider erklärt: „So wie die Kausalitäten multifaktorisch sind, sind auch die Auswirkungen verschieden. Wir haben weniger mit Sucht nach harten Drogen zu tun, dafür aber mit Marihuana-, Spiel- oder Online-Sucht. Psychische Erkrankungen, wie Ängste, werden immer häufiger. Dann stellt auch der Weg zur Arbeit ein großes Problem dar, wenn sich der junge Mensch nicht mehr in die U-Bahn traut.“ Seit Corona sei der Schulabsentismus so häufig wie nie zuvor. „Die Schüler*innen scheitern am Schulsystem – ein Grund mehr, warum das Angebot von anderwerk so aktuell und notwendig ist.
Unsere Haltung: Druck oder Geduld – aber mit offener Tür
Wir unterstützen in der vollen Bandbreite. Unsere Sozialarbeiter*innen wenden unterschiedliche Methoden an, um die Jugendlichen, Azubis oder Praktikant*innen zum Arbeiten, Lernen und zur Pünktlichkeit zu motivieren. Mal hilft Druck, wie Nachtelefonieren, Gespräche mit den Eltern oder Ultimaten; mal Geduld, wie gutes Zureden oder mehr Zeit für einfache Tätigkeiten. So manche wollen erst nicht regelmäßig teilnehmen. „Wenn wir sie aber bei Fehlverhalten nach Hause schicken“, so Daniela Schneider, „sind sie oft sauer.“ Bei uns ist aber klar: Wir halten immer eine Hintertüre offen, für den Fall, dass Einsicht und Änderung eintreten“, ergänzt sie lachend. Thiemo Stengele betont:
„Die, die bei uns weitermachen, haben einen Reifeprozess durchlaufen. Das sind dann selbstbewusste junge Menschen, die man guten Gewissens auf den Arbeitsmarkt loslassen kann.“
Ein langfristiger Erfolg für anderwerk – und für die Gesellschaft. „Durch unsere Arbeit verhindern wir, dass die Jugendlichen arbeitslos werden oder eben sogar in Langzeitarbeitslosigkeit landen. Denn die Konsequenzen sehen wir leider in unseren anderen Betrieben mit erwachsenen Teilnehmenden.
Thiemo Stengele erklärt den Erfolg von anderwerk so: Für Jugendliche seien Gruppenerlebnisse immer wieder erfolgversprechend – und in den handwerklichen Betrieben von anderwerk wirkten reale Vorbilder: Anleiterinnen und Sozialpädagoginnen, die selbst ein Handwerk erlernt haben – wie Melina Thanner, die nun noch mehr auf Sport und gemeinsame Zwischenaktivitäten im Alltag setzen will, um das Körper- und Gruppengefühl zu stärken.












