Vom Fladen zur Semmel
Erfolgsgeschichte der Deutschkurse
Mit 15 Jahren knetete der junge Afghane Mansoor zum ersten Mal Teig, um Geld zu verdienen – in Istanbul, in einer kleinen Familienbäckerei. Heute steht er bei der bekannten Münchner Bio Backstube Julius Brantner Brothandwerk am Ofen. Doch der Weg hierher war im wahrsten Sinne des Wortes steinig, gefährlich und oft einsam. Seine Geschichte erzählt Mansoor komplett auf Deutsch – gelernt in beachtlich kurzer Zeit bei den anderwerk-Deutschkursen.
Von Afghanistan in die Türkei
In Afghanistan besucht Mansoor bis zur neunten Klasse die Schule. Die Familie – acht Geschwister, Mutter und Vater – lebt in wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen. Der Vater ist arbeitslos, das Geld reicht kaum. Sobald Mansoor das arbeitsfähige Alter von 15 Jahren erreicht hatte, schickte ihn sein Vater los, um im Ausland Geld für die Familie zu verdienen. Er erinnert sich: „Ich war so jung. Zu Fuß vom Iran über die Berge und durch den Schnee in die Türkei. Es war wirklich schrecklich und gefährlich.“
Die Flüchtlingsgruppe bestand anfangs aus 14 Personen – nur sieben schaffen es über die Grenze. Dort trennen sich die Wege, Mansoor reist allein weiter nach Istanbul. Mit 15 Jahren allein in einer fremden Stadt, ohne Familie und mit sehr wenig Geld. Für eine Zeit arbeitet er in einer Plastikfabrik, bis ihm eine kurdische Bäckerfamilie eine Arbeit anbietet. „Ich war sehr klein und durfte nur als Teighilfe arbeiten. Das war sehr schwere Arbeit“, erzählt Mansoor. Bis zu seinem 18. Lebensjahr backt er täglich, ohne Feiertage. Fast zwei Jahre. Doch dann droht die Abschiebung nach Afghanistan.
Angst um sein Augenlicht
Beim ersten Fluchtversuch nach Bulgarien verletzt er sich während eines Polizeieinsatzes nachts im Wald schwer an beiden Augen. „Es war sehr dunkel, ich war gegen Äste gerannt und blutete stark.“ Er muss zurück in die Türkei. Eine direkte Behandlung ist ohne Papiere nicht möglich, ein Freund „gibt ihm seine Identität“, damit Mansoor Medikamente erhält.
Der zweite Versuch, wieder mit bezahlten Fluchthelfern, gelingt – über Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Slowenien, Italien und die Schweiz bis nach Deutschland. In den Flüchtlingscamps unterwegs gab es Mittag- und Abendessen sowie Tee, Kaffee und Wasser. Angekommen in Offenburg, isst er zum ersten Mal eine Semmel: „Das war so ein gutes Gefühl!“, erinnert er sich und sein Gesicht leuchtet.
Über Freiburg kommt Mansoor nach Waldkraiburg, einen Monat später nach Wessling bei München in eine Gemeinschaftsunterkunft, wo er heute noch lebt. Von den ersten 130 Euro kauft er sich sofort ein günstiges Handy. Nach zwei Monaten konnte er zum ersten Mal mit seinem Vater und seinen Geschwistern sprechen: „Als ich ihre Stimmen gehört habe, da war ich kurz sehr glücklich.“
anderwerk vermittelt Bäcker-Job
Für Mansoor hat ab jetzt das Deutschlernen Priorität. Die Integrationskurse hat er bereits mit B1 abgeschlossen. Der Weg zu Julius Brantner Brothandwerk kommt dann über anderwerk zu Stande: Der Inhaber persönlich stellte in den Deutschkursen seine Bio Backstube vor und wirbt um Arbeitskräfte. Mansoor nutzt die Gelegenheit. „Hier habe ich jetzt schon viel gelernt. In der Türkei war das Brötchen einfach, da gab es nur verschiedene Größen. Hier heißt es Brothandwerk und es gibt Brezel, Croissants, Semmeln und Brot.“
Maria, Backstubenleitung, erzählt: „Eines Tages kam er in die Backstube und hat, noch vor dem Kleiderwechsel, unsere Brote und Semmeln fotografiert. Auf meine Nachfrage, warum er das gemacht hat, sagte er: ‚Ich möchte das meiner Mutter zeigen.‘ Das hat mich total gefreut, weil es ja zeigt, dass er seine neue Arbeit und die Produkte, die wir machen, mit seiner Familie teilen möchte. Danach haben wir gleich ein Teamfoto mit Mansoor gemacht – nur für seine Mama.“
Privat isst Mansoor übrigens mittlerweile am liebsten Semmeln – „die sind typisch deutsch“ – und kocht in der Gemeinschaftsküche afghanisch. „Ich esse kein Fast Food, weil man davon dick wird, und mein Essen erinnert mich an meine Heimat.“
Der Vertrag liegt bereit!
Seine aktuelle Situation steht auf der Kippe: Abschiebung oder Ausbildung. „Es war so schwer, hierherzukommen. Ich habe zu meinen Sprachen Deri und Paschtu erst Türkisch gelernt. Dann hier Deutsch mit allen Regeln des Landes. Keiner außer mir hat Arbeit, und ich verdiene das Geld für ihr monatliches Essen.“
Sein Happy End liegt nun in greifbarer Nähe. Julius Brantner Brothandwerk hat ihm einen Ausbildungsvertrag angeboten. „Ich will eine gute Arbeit, das geht nur mit mindestens Deutschkurs B2.“ Und dafür lernt er gerade in jeder freien Minute. Im September kann es dann losgehen als Auszubildender im Bäckerhandwerk. Backstubenleitung Maria sagt: „Wir freuen uns darauf, Mansoor in den nächsten drei Jahren durch die Ausbildung zu begleiten, aus ihm kann ein sehr guter Bäcker werden!“ Wir drücken die Daumen.
PS: Maria hat uns verraten, dass durch Mansoor auch noch weitere tolle Menschen zu ihr ins Team gekommen sind. „Er hat die Backstube an Freunde weiterempfohlen.“ – Das wollen wir hiermit auch tun. Hier werden immer wieder fleißige Leute fürs Team gesucht, also gerne bei der Julius Brantner Backhandwerk melden.












