Vom einsamen Wolf zum Rudeltier

Erfolgsgeschichte aus dem Bereich „Schreinerei“

Der Berg war zu groß. Die Zukunft schwarz, wie seine T-Shirts. Martin fühlte sich oft wie ein einsamer Wolf. Es schien nicht mehr ein Problem zu sein, sonder ein riesiges unverrückbares Hindernis, was seine Zukunft verbaute. Und das alles kurz vor seiner Gesellenprüfung: Die Freundin, weg. Zum Vater, keinen Kontakt. Der Alkoholentzug zwar erfolgreich, aber einen neuen vertrauensvollen Freundeskreis hatte er nie aufgebaut. Bekanntschaft mit der Polizei hatte er dagegen bereits mehrfach gemacht. Die Mutter als einzige Bezugsperson, schließlich komplett überfordert. Zwei Monate hatte Martin Schoberl* bereits wegen Depressionen in einer stationären Klinik verbracht.

Der erste Schritt in ein neues Leben, war der Umzug von der Kleinstadt in Mittelfranken nach München. Doch auch hier ging es nicht sofort bergauf: Die therapeutische WG im Anschluss, funktionierte für ihn nicht. Der hohe Prüfungsdruck machte ihm weiter zu schaffen. An erholsamen Schlaf war nicht zu denken. Schließlich verordnete ihm sein Arzt eine Tablette zum Einschlafen abends und morgens Psychopharmaka, die ihm beim Wachwerden unterstützen sollten.

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Wolf Schreiner anderwerk

Lernen zu lernen

Vor allem der Theoriestoff machte ihm Probleme und in der Schule erhielt er Fünfer und Sechser. Ein Lehrer erkannte aber seine Leidenschaft für den Schreiner-Beruf und sagt: „In dem Bereich gibt Martin Gas und will die Ausbildung auch schaffen.“ Auch der Praxislehrer ist begeistert und davon überzeugt, dass Martin ein guter Praktiker ist. Die Lehrer vermitteln Martin an anderwerk, wo er Schritt für Schritt lernt, sich seinen Problemen zu stellen. Natalie Stetter, Sozialpädagogin bei anderwerk sagt: „Zunächst hat er sich bei Überforderung zurückgezogen und fraß alles in sich hinein, um dann auf einmal zu explodieren.“

Heute nach einem Jahr in der Schreinerei bei anderwerk sieht es anders aus: Am wichtigsten sei für ihn eine stete Motivation. „Martin hat sich in der Zeit bei uns sehr verändert“, berichtet Natalie Stetter. „Zunächst war er durch die Psychopharmaka oft sehr benebelt und hatte eine sehr sehr kurze Konzentrationsspanne, das ist jetzt viel besser.“ Die Depressionen hatten zu Gedächtnislücken geführt. In der anderschule sind die Lehrer darauf spezialisiert, den Jugendlichen den Lernstoff in kleinen Portionen zu vermitteln. Der große Berg ist in kleine Hügelchen aufgeteilt. Außerdem hat Martin das tägliche offene Nachhilfeangebot in Kleingruppen von 15-17 Uhr angenommen. Er hat bei anderwerk gelernt zu lernen.

Motivation durch erkennbaren Fortschritt

anderwerk hat ihm außerdem eine AWO-Wohnung vermittelt, in der er bis zum Ende der Schreiner-Ausbildung wohnen kann. Außerdem habe er sich äußerlich sehr verändert. „Ich habe gerade erst alte Fotos von Martin rausgesucht, auf denen ich ihn nur an seinen Lieblings-T-Shirt mit Wolf-Motiv erkannte“, so Stetter. „Als er zu uns kam, war Martin schlank, ach fast dünn, dann nahm er sehr schnell durch die Medikamente zu, fast 15 Kilo.“ Die trainiere er aktuell nebenbei durch die Teilnahme am Sportprojekt von U-Turn ab.

Beim Fußball stärke er weiter sein Teamgefühl und übe, sich in der Gruppe einzufügen und seinen Platz zu finden. Natalie Stetter erklärt: „Martin wird durch seine Vorgeschichte sein ganzes Leben lang suchtgefährdet bleiben. In Zusammenarbeit mit U-Turn helfen wir Martin,  sich rundum zu stabilisieren. Sport ist dabei das beste Mittel seine Gesundheit und seine Psyche zu stärken.“

Aktuell hat der Schreiner-Azubi das dritte Lehrjahr wiederholt und seine Prüfungsangst ist weniger geworden. „Er hat mir gesagt, dass er sich psychisch stabil fühle“, so Natalie Stetter. „Ich merke das natürlich sowieso, weil er gut gelaunt ist, Scherze macht und jegliche Lethargie verloren hat.“

Dank anderwerk als Schreiner in die Zukunft

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schreinerei tattoo wolf

Die Prüfungen stehen kurz bevor. Martin ist dank anderwerk motiviert und sagt: „Ich möchte die Prüfung einfach bestehen.“ Er lächelt und erzählt stolz von seinem Gesellenstück, an dem er gerade baut. Es wird ein Flurmöbel aus Eiche, das an die Wand montiert wird.

Er nimmt keine Psychopharmaka mehr und macht auch keine Therapie. Seit einigen Monaten hat er eine neue Freundin. Und ein frisches Tattoo ziert seinen Unterarm: Ein Wolf. Sein Kafttier des indianischen Schamanismus. Martin erklärt: „Ich liebe diese schönen Tiere. Sie stehen für persönliche Stärke und können erst im Rudel ihre gesamte Power entfalten.“

Martin hat diese Stärke in sich und bei seinen Mit-Azubis gefunden und möchte nach dem Abschluss ein Jahr als Schreiner in München arbeiten und darauf warten, dass auch seine Freundin ihren Abschluss hat. Danach plant er gemeinsam mit ihr nach Baden-Württemberg zu ziehen, wo eine Firma ihm bereits ein Job-Angebot als Schreiner gemacht hat.

*Name von der Redaktion geändert.